Die große Schokoladenmission
Funf Dormagener machten sich im Oktober 2024 auf den Weg nach Amsterdam, um vorbestellte Schokolade CO2-frei nach Hause zu transportieren. So eine Schokofahrt schweißt zusammen. Lest hier Susanne Rückheims packenden Reisebericht.
Was macht man an einem kühlen Oktobermorgen um 7:00 Uhr in Nievenheim? Genau – man versammelt sich an einer Eisdiele, bewaffnet mit Fahrrädern, Anhängern, Lastenrädern und ein Liegemodell-„Kofferraum mit Muskelantrieb“, um Schokolade emissionsfrei aus Amsterdam zu transportieren. Klingt verrückt? Ist es auch. Aber genau das lieben wir!
Ein Start im Dunkeln – und im Überfluss
Schon der Start verspricht Großes: Im stockfinsteren Morgengrauen versammeln sich nicht nur die fünf Fahrer*innen, Manfred, Wolfgang, Jupp, Katrin, Susanne und unsere zwei kreativen Unterstützerinnen – Iris und Magdalena –, sondern auch eine Fangemeinde von 20 begeisterten Menschen. Sie haben alles im Gepäck: Pizzaschnecken, Frikadellen, Schnitzel und Nussecken. Damit war klar: Verhungern wird heute niemand, selbst wenn der Wind erbarmungslos bläst.
Gegenwind und Akkuangst
Nach round about 60 Kilometern wurde der Gegenwind unser ständiger Begleiter oder auch Feind. Das Motto lautete: "Reicht der Akku?" Für die einen hieß das Sparflamme, für die anderen Muskelkraft pur. Doch wie schon bisher war die Stimmung gut – dank aufmunternder Gespräche, kleiner Pausen und einer beeindruckenden Gemeinschaft. Nach knapp 140 Kilometern erreichten wir unsere erste Unterkunft, wo das ersehnte Kaltgetränk (mit oder ohne Hopfen, ganz nach Vorliebe) die Runde machte.
Die Suche nach dem Schlüssel des Glücks
Der nächste Morgen begann, wie er nicht sollte: mit Chaos. Ein Fahrradschlossschlüssel hatte sich auf mysteriöse Weise unsichtbargemacht. Nach intensiver Suche in Satteltaschen, Anhängern, Taschen anderer Mitfahrer sowie Bauchtaschen des Besitzers tauchte er wieder auf. Erleichtert, wenn auch verspätet, ging es weiter – und direkt in die nächste Überraschung: Eine andere Schokoladen-Radgruppe aus Düsseldorf war ebenfalls unterwegs. Doch der Schock saß tief, als ein Auto mit einem Lastenrad auf dem Dach gesichtet wurde. "Das kann ja jeder!", kommentierte Manfred trocken.
Amsterdam: Speisekarten und alkoholfreie Abenteuer
Endlich in Amsterdam angekommen, stürzten wir uns hungrig in die Restaurants. Doch der Blick auf die Speisekarten ließ uns stutzen: Alles alkoholfrei. Kein Bier, kein Wein – nur Wasser und Saft. „Dann eben keine feste Nahrung“, beschlossen wir lachend und zogen weiter. In einer Bar zeigte ein freundlicher Kellner Mitleid und fütterte uns mit Erdnüssen. Ein Abend voller Lachen und geselligem Zusammensein wurde daraus.
Schokolade, Regen und tonnenweise Kartons
Der Höhepunkt unserer Reise: der Besuch bei den Chocolatemakers in Amsterdam. Mit Begeisterung packten wir Probiertafeln in uns hinein und beluden unsere Räder mit sage und schreibe 43 Kartons – insgesamt gefühlt fast zwei Tonnen Schokolade. Wie das auf fünf Räder passt? Ein Team, ein Plan, kein Problem. Leicht beladen, aber schwer motiviert, traten wir die Rückreise an – begleitet vom ersten Nieselregen der Tour.
Der Nieselregen schien nur eine Testung unserer Beladung zu sein. Es lohnte kaum, die zweite Haut überzustreifen, da der Regen immer wieder aufhörte und es dann viel zu warm wurde. Unsere Fracht war wasserdicht verpackt, und die Drahtesel ließen sich gut manövrieren. Unser hauptsächliches Tun bestand nun darin, die Regensachen an- und auszuziehen. Dabei erlitt Manfred wiederholt einen kleinen Schock. Katrin, die als Erste zur Regenhose griff, schien Weltmeisterin im Schnellanziehen zu sein. Atemberaubend, wie fix die Hose saß – inklusive Überzieher für die Schuhe. Für Manfred stand fest: Der Termin für die nächste Shoppingtour war gesetzt.
Von Nieuwegein ging es weiter nach Helmond, wo unsere letzte von vier Übernachtungen war. Wir folgen dem allabendlichen Ritual: Zimmer beziehen, duschen, umziehen, und dann ab ins Restaurant. Doch Manfred sorgt für die modische Sensation des Abends: Statt Schuhen trägt er leuchtend gelbe Regenüberschuhe – offenbar ein mutiger Schritt in Richtung avantgardischer Fahrradmode. Mit jedem Schritt scheint er zu sagen: „Wahre Eleganz kennt keine Trockenzeit!“ Der nächste Morgen kam schnell, und es war Zeit für die erste Schokoauslieferung, wenngleich dafür erst noch einige Kilometer zu fahren waren. Am Lammertzhof wurden wir von Familie Hannen wie lang ersehnte Helden empfangen- mit Kaffee, Snacks und großem Respekt für unsere Mission: Schokolade per Muskelkraft zu liefern. Ein Empfang, bei dem man sich fast wie die Kakaobohne selbst fühlen konnte – heiß begehrt und gut umsorgt!
Das war nicht unser letzter Besuch. Es wurden viele Fotos gemacht, und nette Gesten sowie Gespräche rundeten das Erlebnis ab.
Währenddessen kämpfte Katrin seit einigen Kilometern mit einem besonderen Problem: Das Steuerelement ihres Pedelec-Motors war ausgefallen, und sie musste seit Venlo ausschließlich mit Muskelkraft trampeln. Das kostete Tempo und vor allem Kraft. Doch längst war Ersatz organisiert, der hoffentlich bald die Lage erleichtern würde.
Trotz all dieser Herausforderungen blieb die Stimmung fröhlich, und die Gemeinschaft half, kleine und große Probleme zu überwinden. Jeder Kilometer wurde ein Stück Geschichte auf unserer emissionsfreien Schokoladenmission.
Der Lammertzhof, quasi unser Heimathafen, war erreicht. Nur noch wenige Kilometer trennten uns von Nievenheim. Doch bevor es nach Hause ging, hatte Katrin noch ein Rendezvous mit Arno's Bikestore. Dort wartete das langersehnte Ersatz-Steuerelement für ihren Pedelec-Motor. Wir verabschiedeten uns an einer Weggabelung – Richtung Neuss für Katrin und Richtung Nievenheim für den Rest der Truppe.
An dieser Stelle begann mein persönliches Drama. Im Übermut sprach ich den Satz: „Jetzt können wir Gas geben!“ Was als harmloser Motivationsspruch gedacht war, nahm Jupp – unser sonst so humorvoller Spaßvogel – als Kampfansage. Ohne Vorwarnung jagte er mit 30 bis 35 km/h über die Strecke. Die letzten 15 Kilometer fühlten sich an, als hätte uns jemand ein unsichtbares Triebwerk ans Fahrrad geschraubt. Mit flatternden Jacken und hochrotem Kopf kamen wir rechtzeitig vor dem „Verfallsdatum“ bei der Eisdiele in Nievenheim an – erschöpft, aber siegreich.Kaum hatte jeder seinen Heimathafen erreicht, stand schon der nächste Termin fest: die Auslieferung am Latourshof am nächsten Tag. Dort erwartete uns ein Empfang, der einem Staatsbesuch würdig war. Die Inhaber, Iris und Max Peter Busch, Magdalena, Iris und andere Interessierte, sowie die Presse hatten alles vorbereitet: ein Banner, ein langes Band mit „Herzlich Willkommen“ und jede Menge Dekoration. Wir rollten, ordentlich in Reih und Glied, klingelnd und jubelnd auf den Hof ein.
Von dort aus ging es weiter zu den nächsten drei Stationen. Überall wurden wir mit offenen Armen empfangen: mal mit tosendem Applaus direkt auf der Straße, mal mit frisch gebrühtem Kaffee in einer gemütlichen Wohnküche. Die Freude, Dankbarkeit und Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wurden, waren einfach überwältigend.
Unsere letzte Station, der Weltladen, war das i-Tüpfelchen der Auslieferung. Hier spürten wir, wie groß die Unterstützung für das Projekt war. Der Weltladen hatte außer dem eigenen Bedarf auch Schokolade für die Stadtverwaltung und die Grünen bestellt – ein Statement, das nach süßer Diplomatie schmeckte! Sie hatten zudem am Wettbewerb „Die schönste Schokoladenausstellung“ teilgenommen und ihre Regale in wahre Kunstwerke verwandelt. Als wir ankamen, empfingen uns bekannte Gesichter aus dem ADFC, Nachbarn, Freunde und Familie – ein echtes Heimspiel.
Zum krönenden Abschluss zog unsere Truppe ins Brauhaus ein. Nach 560 geradelten Kilometern hatten wir uns das mehr als verdient. Mit kühlen Getränken, viel Gelächter und einer Portion Selbstlob ließen wir die Tour ausklingen.
Was diese Schokofahrt so besonders machte? Ganz klar: die Menschen. Jeder brachte seine ganz eigene Prise Humor, Engagement und Verantwortungsbewusstsein mit. Ob Regenhosen-Weltmeisterschaften, Höchstgeschwindigkeits-Etappen oder schokoladige Applaus-Orgien – diese Tour war ein Mix aus Abenteuer, Teamgeist und unzähligen Lachern.
Eines steht fest: Diese Dormagener Schokofahrgruppe ist keine Eintagsfliege. Dank Iris, Magdalena und allen anderen Beteiligten haben wir etwas geschaffen, das Bestand hat – und dass wir definitiv wiederholen werden.
Bevor ich jetzt fast fertig bin. Eine Person, die sich gerne unscheinbar zeigt, aber keineswegs ist: Wolfgang, unser stiller Held auf dem Liegerad, war die Ruhe selbst – immer zurückhaltend, aber ein Fels in der Brandung, auf dem man sich verlassen konnte. Doch wehe, er ließ einen seiner seltenen Kommentare fallen! Während wir uns vor Lachen kaum halten konnten, setzte er mit stoischer Miene noch eins drauf: „Die Geschichte dazu erzähle ich Dir später.“ Ein Meister drin, Spannung aufzubauen und dabei alle zum Schmunzeln zu bringen!
Vielen Dank an alle, die diese Tour zu dem gemacht haben, was sie war: ein unvergessliches Erlebnis! Wir freuen uns auf neue Mitfahrer, neue Abenteuer und natürlich neue Schokolade.